Subspace – die Kunst vom Fliegen: Körperwirklichkeit und psychische Reflexion
Автор: Mariia Titova, Mag. pth.
Was passiert in Geist und Psyche, wenn der Körper in einen veränderten Bewusstseinszustand gerät? Ein professioneller Blick auf das Phänomen „Subspace" – ohne Tabuisierung, mit therapeutischer Tiefe.
„Alles loslassen können und einfach nur noch aus Fühlen bestehen." So beschreiben Menschen einen Zustand, der in der BDSM-Szene als „Subspace" bekannt ist – und der in der akademischen Psychologie bislang wenig Aufmerksamkeit erhalten hat.
In meiner Abschlussarbeit im Universitätslehrgang Sexualberatung an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien habe ich mich diesem Phänomen gewidmet – nicht aus der Perspektive der Verurteilung oder der Sensationslust, sondern aus echtem therapeutischen Interesse: Was passiert in Geist und Psyche, wenn der Körper in diesen besonderen Zustand gerät?
Was ist Subspace?
Subspace ist ein veränderter Bewusstseinszustand, der während intensiver BDSM-Erfahrungen auftreten kann. Er wird beschrieben als tranceähnlich, meditativ, losgelöst vom Alltagsdenken – ein Gefühl des Fliegens. Der Kopf wird still. Die Verantwortung wird abgegeben. Es entsteht ein Zustand tiefen Vertrauens und vollständiger Präsenz im gegenwärtigen Moment.
Wichtig: Dieser Zustand entsteht nicht durch Willen, sondern trotz ihm. Er ist nicht planbar – er geschieht, wenn Körper und Psyche bereit sind loszulassen.
Was passiert im Körper?
Die Wissenschaft beginnt, diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. Studien zeigen, dass intensive BDSM-Erfahrungen zu erhöhten Cortisolwerten führen – einem Zeichen körperlicher Aktivierung. Gleichzeitig werden Endorphine und Adrenalin ausgeschüttet, die körpereigenen „Glücksdrogen", die Schmerzschwellen erhöhen und ein Hochgefühl erzeugen können.
Neurologisch interessant: Schmerz aktiviert im Gehirn auch Lustzentren – darunter den Nucleus Accumbens, der sonst auf Essen, Musik oder soziale Belohnung reagiert. Die Grenze zwischen Schmerz und Lust ist im Gehirn weniger starr, als wir kulturell annehmen.
Der amerikanische Sozialpsychologe Brad Sagarin fand zudem, dass Menschen nach solchen Erfahrungen eine stärkere emotionale Bindung zu ihren Partnern zeigten – besonders wenn sie die Begegnung als gelungen erlebten.
Was bedeutet das für die Psyche?
Aus meiner therapeutischen Praxis kenne ich Frauen, die ihre eigenen körperlichen Reaktionen lange als „falsch" oder „krank" erlebt haben – weil sie nicht zu ihrem Selbstbild oder gesellschaftlichen Normen passten. Diese Diskrepanz zwischen dem, was der Körper will, und dem, was der Verstand erlaubt, erzeugt psychischen Stress, Scham und manchmal jahrelange Vermeidung der eigenen Sexualität.
Was ich beobachte: Frauen, die mutig genug sind, den eigenen Körperwünschen Aufmerksamkeit zu schenken und sie zu erforschen – auch wenn diese ungewöhnlich erscheinen –, sind psychisch besser ausbalanciert. Die Vermeidung der eigenen Sexualität hingegen führt häufig zu weiteren psychischen Problemen.
Subspace-Erfahrungen können in diesem Kontext therapeutisch bedeutsam sein: Das Erlernen von Grenzen und Stopworten im geschützten Rahmen kann Menschen dabei helfen, Grenzen auch im Alltag zu spüren und zu setzen. Das Erleben von Halt und Vertrauen kann frühere Erfahrungen von Alleinsein im Schmerz korrigieren.
Der Körper ist immer auf unserer Seite
Die zentrale Botschaft meiner Arbeit ist diese: Der Körper besitzt eine tiefe Weisheit. Er reagiert nicht „falsch" – er reagiert. Unsere Aufgabe als Therapeutinnen und als Menschen ist es, neugierig und achtsam zuzuhören, was der Körper uns mitteilt – ohne vorschnelle moralische Bewertung.
Je mehr über Phänomene wie Subspace geschrieben und gesprochen wird, desto mehr Menschen können verstehen, dass sie nicht krank sind – sondern besondere Wahrnehmungen und eine Gabe zu tiefen Erlebnissen haben.
Dieser Text basiert auf meiner Abschlussarbeit „Subspace – die Kunst vom Fliegen" (SFU Wien, 2021).