Prozessualität in der personenzentrierten Therapie: Rogers und Kanke im Dialog
Автор: Mariia Titova, Mag. pth.
Ein Dialog zwischen der personenzentrierten Therapie nach Carl Rogers und der Wissenschaftsphilosophie von Viktor A. Kanke – über Prozessualität, Präsenz und die ethische Dimension therapeutischer Begegnung.
Was bedeutet es eigentlich, wenn wir in der Psychotherapie von „Prozess" sprechen? Dieser Begriff taucht überall auf – doch selten wird gefragt, was philosophisch dahintersteckt. In meiner Magisterarbeit an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien habe ich mich genau dieser Frage gewidmet: einem Dialog zwischen Carl Rogers' personenzentrierter Therapie und der Wissenschaftsphilosophie von Viktor A. Kanke.
Therapie als Werden, nicht als Zustand
Rogers war radikal in seiner Überzeugung, dass der Mensch kein fixiertes Objekt ist, das diagnostiziert und „repariert" werden muss. Der Mensch ist ein Prozess – ein ständiges Werden. Die Aktualisierungstendenz, die Rogers beschreibt, ist nicht nur ein psychologisches Konzept, sondern eine ontologische Aussage: In jedem Organismus gibt es eine grundlegende Bewegung hin zur Entfaltung seiner Möglichkeiten.
Diese Sichtweise war für die Wissenschaft der 1950er Jahre ungewöhnlich – sie widersprach dem mechanistischen Weltbild, das den Menschen als komplizierte Maschine verstand. Rogers stellte sich bewusst dagegen und schloss sich Denkern wie Whitehead, Capra und Bergson an, für die das Universum kein Uhrwerk ist, sondern ein lebendiger, sich entwickelnder Organismus.
Der Therapeut als Forscher, nicht als Experte
Eine der wichtigsten Konsequenzen dieser prozessualen Sichtweise betrifft die Haltung des Therapeuten. Rogers formulierte es klar: Der Therapeut ist kein Experte für das Leben des Klienten. Er ist Forscher – neugierig, offen, ohne vorgefertigte Deutungen. Die Haltung des „Weniger-Wissens" steht im bewussten Kontrast zum interpretativen Ansatz, in dem der Therapeut als Autorität über verborgene Bedeutungen agiert.
Dies bedeutet: Den Prozess begleiten – nicht den Inhalt steuern. Der Klient ist Experte seiner eigenen Erfahrung und aktiver Gestalter seines Wandels.
Was Kankes Philosophie der Therapie geben kann
Viktor Kanke, russischer Wissenschaftsphilosoph, entwickelte eine Theorie der konzeptuellen Transduktion – ein Modell, wie Erkenntnisse zwischen Theorien und Disziplinen übergehen und sich transformieren. Für Kanke ist Ethik nicht eine abstrakte Norm, sondern die Spitze einer axiologischen Wissenschaft: Sie zeigt sich im konkreten Handeln, im Prozess selbst.
Hier berühren sich Rogers und Kanke auf überraschende Weise. Beide betonen die ethische Dimension des Gegenwärtigen – die Präsenz im therapeutischen Moment als grundlegend ethische Haltung. Für Rogers ist die therapeutische Begegnung nicht Technik, sondern Kunst: Das einzige „Werkzeug" des Therapeuten ist er selbst als Person. Kanke würde ergänzen: Diese Präsenz ist nicht zufällig ethisch – sie ist es ihrer Struktur nach.
Kongruenz als prozessuales Prinzip
Das Konzept der Kongruenz bei Rogers – die Übereinstimmung zwischen dem, was der Therapeut innerlich erlebt, und dem, was er ausdrückt – lässt sich aus Kankes Perspektive neu lesen: als prozessuales Prinzip, nicht als statischer Zustand. Kongruenz ist kein Ziel, das man erreicht, sondern eine Bewegung, die man praktiziert.
Fazit: Ein produktiver Dialog
Der Dialog zwischen Rogers und Kanke zeigt, dass die personenzentrierte Therapie tiefer philosophisch verankert ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Die Prozessualität ist ihr Kern – nicht als Methode, sondern als Seinsweise. Was Kanke hinzufügt, ist eine wissenschaftsphilosophische Sprache, die diese Intuition präziser macht und für den interdisziplinären Diskurs öffnet.
Dieser Text basiert auf meiner Magisterarbeit „Prozessualität im Dialog" (SFU Wien, 2020).